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Turnerschaft Germania im MK

Sport und Lebensbund

 

Dieses Jahr – die Seychellen

von Roland Ernst

Entwicklungshilfe fordert große Opfer – mein persönliches in diesem Jahr war es, nicht mit meinen Germanen zur schon ritualisierten Heilfasten-Skifreizeit fahren zu können. Wer regelmäßig von Euch im Oktober in Bad Salzuflen dabei ist, hat teilhaben können an meinen neun Einsätzen in Zentralafrika und in Myanmar in den vergangenen 13 Jahren.

 

Afrika war geprägt von unendlicher Armut, Struktur- und Hoffnungslosigkeit angesichts postkolonialer Korruption, Stammeswirtschaft und täglich erlebter AIDS-Problematik. Der weiße Zahnarzt als Alien aus einer fremden Welt, als gutmenschelnder Halbgott hat unter dem schattenspendenden Baum auf dem Dorfplatz Zähne ohne Schmerzen gezogen unter den mißbilligenden Blick des örtlichen Medizinmannes. Kaum erkennbare gesellschaftliche Strukturen, keine Vergangenheit, keine Zukunft.

Da war Myanmar ein ganz andere Erfahrung: auch nach ProKopf-Einkommen eines der ärmsten Länder der Welt, wie Kenia auch postkolonial nach 150 Jahren englischer Besetzung, aber eine uralte vom Buddhismus bis in jede Hütte durchdrungene Kulturnation. Sie hat den Kolonialismus schlicht hinter sich gelassen, so wie sie jetzt gerade 55 Jahre Militärdiktatur gerade hinter sich lässt ohne sich auch nur zu schütteln. Immerhin hatte diese Militärdiktatur sie aus dem Indochina(Vietnam)krieg, der in den Nachbarländern tobte, herausgehalten, aber auch mit kräftiger Unterstützung des Westens den ungeheuren Reichtum des Landes unter die systemtragenden Militärs des Landes verteilt.

Als deutscher Zahnarzt ist man dem Regime keineswegs willkommen: Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen gibt es nur über hochgestellte private Beziehungen auf dem "kleinen Dienstweg", den mir Freunde geebnet haben. Unser kleiner Verein hat unter großen Schwierigkeiten irgendwo auf dem Land eine kleine Zahnstation eingerichtet, wohin Patienten kommen, die, wie in Kenia, nie in zahnärztlicher Behandlung waren. Wenn ich ältere fast zahnlose Menschen fragte, wer ihnen denn die Zähne gezogen hat, erntete ich Unverständnis: sie selbst oder der örtliche Schmied. Betäubungen bei Füllungen waren nie nötig, bei chirurgischen Eingriffen wurden sie stillschweigend angenommen – eine andere Welt ...

Hierher auf die Seychellen bin ich über einen Verein gekommen, in dem ich seit vielen Jahren Mitglied bin, der seit Anfang der Achtziger Jahre einen Vertrag mit der hiesigen Regierung hat, kontinuierlich für drei Monate am Stück (also 4 pro Jahr) deutsche Zahnärzte zu schicken. Bisher konnte ich mir es nur nicht leisten, unsere Praxis solange verwaist zu lassen.

Hier arbeiten wir in einer vom Verein gut ausgestatteten Praxis mit gut ausgebildetem hiesigen Personal und wohnen in einem vom Verein gemie-teten großzügigen Haus. Das Niveau der Behandlung verantwortet der/die Kollegin selbst – es sind aber nach oben keine Grenzen gesetzt. Die Behandlung ist für die Patienten völlig kostenlos. Dazu muss man wissen, daß die Seychellen (80.000 Einwohner und nach allen Seiten von mindestens 1000 km Wasser umgeben) nach ihrer Unabhängigkeit von England  1976 das sozialistische Lager gewählt haben, irgendwie eine Mischung aus Kuba und DDR: das Sorglos-Paket ohne Analphabetismus, freie Heilbehandlung für Alle, keine Arbeitslosigkeit, Rente für Alle, gutes billiges öffentliches Verkehrsnetz, ordentliche Infrastruktur (Müllabfuhr, Elektronetz, Trinkwasser, Internet) . Alles auf unserem frühen 50-er-Jahre-Niveau.

So ist auch der Alltag: über 80 Prozent der Bevölkerung stammen von Franzosen und Engländern importierten Sklaven ab, die ihre gewonnene Freiheit ausschließlich als Freiheit "von" und nicht als Freiheit "zu" verstehen. Das ist schön für sie – sie fühlen sich in dieser 'kleinen' Freiheit (sozusagen neoliberalen vom anderen Ende der Einkommensscala) sauwohl- aber als preußisch-protestantischer Westfale mit einem auch dem Rentner verbliebenen Rest an Verantwortungsethik beiße ich täglich mehrmals in die Tischkante: Termine werden nicht eingehalten und neue Termine beson¬ders gern an die vergeben, die vorherige schon nicht eingehalten haben. Dann steigt die Chance auf eine halbe Stunde Freizeit. Zahnprophylaxe ist total uninteressant. Die Mitarbeiter sind - wie in allen sozialistischen Ländern- super aus- und fortgebildet, machen täglich umfangreiche Statistiken, die keiner liest, bestellen alle Patienten um acht Uhr, kommen selbst um halb neun und schicken alle, die später kommen, auch die mit Schmerzen, nach Hause. Das stört die aber nicht, weil sie für den Tag krank geschrieben sind und gern morgen wiederkommen - und dann wieder den ganzen Vormittag draußen bei über 30 Grad in der Sonne sitzen und schwatzen.

Qualifizierte Dienstleistungen, etwa örtliche Lebensmittelläden, werden von Indern sehr engagiert betrieben, die ganze Familie von morgens bis abends, auch am Wochenende. ALLE Einheimischen beenden um 16 Uhr ihre "Arbeit" , um sich ihrer Freizeit zu widmen, was ihnen dieses wunderbare Paradies hier nicht schwer macht: das ganze Jahr tropische Sonne knapp unter dem Äquator, also ohne Jahreszeiten, Berge bis über 900 m fallen direkt in schneeweiße pulversandfeine Strände mit Korallenriffen, Fischen aller Farben und Größen.

Alkohol ist teuer und erst ab 11.30 Uhr zu kaufen, jeder gärt sich sein Gebräu aus Palmensaft.

Es ist friedlich hier. Es gibt kaum Kriminalität (jeden Dienstagnachmittag werden drei bis vier kleinkriminelle Prisoners aus dem Gefängnis in Handschellen zur Behandlung gebracht – der fröhlichste Nachmittag der Woche.) Haustüren muss man nicht abschließen.

Ihr merkt: ich fühle mich wohl hier - und drei Monate aus dem norddeutschen Matschregen auszusteigen, finden auch Familie und Freunde attraktiv: Astrid und Bernd  Bergmann, Tennisfreunde, Ex-Helferin, meine Frau und unsere Töchter mit Mann sind der Einladung gern gefolgt. Vielleicht gibt es beim nächsten Mal ein Germanentreffen? Platz ist genug!

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